Zwangsehen: „Nun gehört es zu unserem Wertesystem auch, dass die Eltern über ihre Kinder entscheiden können“

erstellt am: 30.08.2016 | von: karim | Kategorie(n): Gesellschaft, Islam

Vieles ist erlaubt, geschieht es nur aus Rücksicht auf kulturelle Vielfalt. Für Claus Kleber gilt dies auch im Falle minderjähriger Frauen, die von ihren Eltern unter Zwang verheiratet werden. Im heute-journal wollte er von der pakistanischen Frauenrechtlerin Sabatina James wissen, wie der Staat mit Früh- und Zwangsverheiratungen umgehen soll. Nun gehört es zur Aufgabe eines Journalisten, die Interviewte auch mit frechen Fragen aus der Reserve zu locken. Häufig geben aber gerade diese Nachfragen einen interessanten Einblick in das Stimmungsbild der Redaktion.

Weil das Interview ein Idealbeispiel dafür ist, wie wir unseren Kulturrelativismus inzwischen auch auf ganz essenzielle Fragen ausweiten, möchte ich Claus Kleber die Antworten geben, die seinen dämlichen Fragen gerecht werden. Das Originalvideo mit den Antworten von Sabatina James findet ihr weiter unten.

Klaus Kleber: „Was sollte die Antwort des Rechtsstaats in solchen Situationen (Anm.: die Zwangsverheiratung von minderjährigen Frauen) sein? Diese jungen Mädchen der Beziehung entreißen, ohne sich lange Fragen zu stellen?“

Karim Dabbouz: „Nein. Man muss verstehen, dass es für afghanische, iranische, syrische Mädchen etwas ganz Normales ist, mit 14 Jahren verheiratet zu werden. Die Heirat mit einem doppelt so alten Mann bietet ihnen Schutz. Die Familie profitiert mitunter auch, wenn sie das Mädchen an den Höchstbietenden versteigert und dieser von nun an für ihren Unterhalt aufkommt. Es ist der Dienst der jungen Frauen an ihrer Familie – eine Tugend, die in Europa leider verloren gegangen ist. Hier darf ja leider jeder machen, was er will.“

Klaus Kleber: „Nun gibt es ja durchaus Fälle (…), wo die junge Frau, inzwischen älter geworden, sagt, mein Mann hat mich beschützt, er war gut für mich. Und sie haben sich mit dieser Beziehung entweder abgefunden oder es war eine Beziehung, die ihren Interessen und Neigungen entsprach. Wie kann der Staat dann auch in solchen Fällen dazwischengehen, ohne lange zu fragen, und sagen, nach unseren Gesetzen müssen 50 Kilometer zwischen euch liegen und dafür sorgen wir?“

Karim Dabbouz: „Das kann er nicht. Man muss es so sehen: Wurde eine solche Ehe beispielsweise in Afghanistan geschlossen, dann war sie dort gesellschaftlich akzeptiert und legal. Diese Tatsache verjährt auch nicht und wir bekommen ja nicht nur Menschen geschenkt, wie Katrin Göring-Eckhardt sagt, sondern auch eine gänzlich neue Kultur mit allen ihren wunderbaren Facetten. Das deutsche Rechtssystem muss versuchen, dem Rechnung zu tragen und die Kinderehe dann akzeptieren, wenn sie in einem Land geschlossen wurde, wo sie rechtmäßig war, das ist ja klar. So etwas sollte übrigens auch für andere kulturelle Dissonanzen gelten. In Syrien ist es dieser Tage beispielsweise kein Verbrechen, einem Kuffar den Kopf abzuschneiden. Ein fliehender IS-Kämpfer sollte also nicht nur mit Kuscheltieren an deutschen Bahnhöfen begrüßt werden, sondern auch seine Verbrechen sollten im Sinne gelebter Toleranz in Deutschland unbestraft bleiben. Schließlich wurden sie in einem kulturellen Rahmen verübt, wo das Töten von Ungläubigen, zumindest in manchen gesellschaftlichen Gruppen, akzeptiert ist. Derer gibt es noch viele weitere Beispiele, das würde aber den Rahmen sprengen.“

Klaus Kleber: „Nun gehört es zu unserem Wertsystem auch, dass die Eltern über ihre Kinder entscheiden können. Was sie machen, was sie nicht tun (unverständliches Gestammel) mit welchem Alter, also bis 16, bis 18, ob sie einer Heirat zustimmen, die in unserem Rechtssystem ab 16 erst möglich ist, und dieses Recht würden Sie den Eltern einfach ungefragt und ohne auf Einzelheiten zu schauen, wegnehmen wollen?“

Karim Dabbouz: „Selbstverständlich nicht. Die Kinder sind Eigentum der Familie. In diesem Aspekt liegen Sie richtig, dass es auch in Europa normal ist, dass die Eltern über ihre Kinder entscheiden. Würde man dies konsequent weiterführen, könnte man auch auf die vielen Jugendämter verzichten. Eine muslimische Familie, die zusammenhält und eine klassische Rollenverteilung lebt, bietet jedem Menschen ausreichend Schutz. Eine solche soziale Ordnung braucht viele Regelungen des deutschen Rechtssystems gar nicht. Viele Angelegenheiten werden familienintern geregelt. Teils funktioniert dies ohne Absprache, einfach durch den sozialen Druck, der auf den Familienmitgliedern lastet. Deshalb kommen auch nur wenige Mädchen auf die Idee, sich einer Zwangsehe zu widersetzen und nur wenige ihrer älteren Brüder würden dem Vater widersprechen, wenn er ihnen sagt: Du bist für die Ehre deiner Schwester verantwortlich.“

Wie soll man auf solch naive Fragen auch ernsthaft antworten? Nein, natürlich muss der Rechtsstaat da sein zweites Auge zudrücken, damit die Neubürger nicht in ihrer kulturellen Tradition gestört werden? Soll jetzt jeder nach Afghanistan reisen, dort eine 12-Jährige heiraten, sie missbrauchen und dann mit ihr als seiner Ehefrau wieder nach Deutschland einreisen können?

Auch Kulturrelativismus sollte sich nicht allein ideologisch begründen, sondern rational und pragmatisch: Wenn Traditionen individuellen Rechten widersprechen, darf auch ein liberaler Staat nicht wegsehen. Dass solche Debatten geführt werden müssen, zeigt gut, wie weit die Aushöhlung ganz essenzieller Prinzipien im Namen der Toleranz gegenüber Dogmatikern fortgeschritten ist.

 

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