Jennifer Rostock: Dumm sind immer nur die anderen

erstellt am: 03.09.2016 | von: karim | Kategorie(n): Gesellschaft

Jennifer Rostock ist eine Band, deren Sängerin Jennifer heißt und die kein Fan der AfD ist, weil sie, so sagt sie, so links ist, dass ihr die Mitte schon wieder zu rechts ist. Weil es als junger Mensch scheinbar zum Linkssein dazugehört, oberflächliche politische Statements rauszuhauen, um sich Fame bei seinen Leuten abzuholen, hat Jennifer ein Lied über die AfD gesungen. Die ist schließlich nicht beliebt, besonders nicht bei jungen Menschen, sondern eher bei pensionierten Mathelehrern, also alten Menschen. Viele von ihnen sind außerdem ziemlich dumm, habe ich gehört.

Das Problem mit der Dummheit ist aber, dass diejenigen, die andere als dumm darstellen, irgendwann faul werden und sich denken: Wenn die anderen doch eh alle dumm sind, dann kann ich über die Dummen ja behaupten, was ich will. Alle werden mir glauben, weil gemeinhin bekannt ist, dass die anderen alle dumm sind und Dumme ja meist falsch liegen. Wenn die anderen also dumm sind und falsch liegen, dann habe ich immer recht, wenn ich gegen die Dummen bin. Logisch. Das ist, glaube ich, sehr bequem. Ich wünschte meine Welt bestünden auch nur aus mir und den anderen Dummen, dann hätte ich immer Recht.

Auf dieser Schlau-Dumm-Dichotomie baut auch ihr Anti-AfD-Song auf: „Nur die dümmsten Kälber, wählen ihren Metzger selber“ singt sie im Refrain und in den Strophen säuselt sie die vermeintlichen Positionen der AfD, nach dem Schema: Wenn ihr arm seid, dann wählt doch die AfD, denn die möchte euch die Sozialleistungen streichen und den Mindestlohn abschaffen. Millionen von Menschen glauben das und Jenny scheinbar auch, weil sie ja zu den schlauen Menschen gehört. Dumm nur, dass ein Großteil der Behauptungen gar nicht stimmt. Noch dümmer, dass sich das genau nachlesen lässt, entweder kurz angerissen hier, als Konter der Jungen Alternative (mit einem sehr schönen Foto von Jenny) oder im Parteiprogramm, das ja auch jedem als Lektüre bereitliegt. Aber wen interessiert schon das Parteiprogramm, wenn die anderen sowieso alle dumm sind?

Elitäre linke Hybris

Das alles könnte einem ja egal sein, steckte dahinter nicht ein Muster, das man bei allerlei politischen Debatten beobachten kann: Der Kampf eines vermeintlich aufgeklärten, links-alternativen Milieus gegen die ganzen anderen dummen Menschen. Ich staune immer wieder, mit welch elitärer Hybris junge linke Menschen auf ihre Mitmenschen herabsehen, obwohl sie doch die Gleichheit immer so gern betonen. Da hocken sie vorm Rechner und teilen fleißig jeden Dung, den Jan Böhmermann oder Extra3 über Pegida oder die AfD absondern und merken nicht, dass das alles zwar Satire ist, aber Satire, die einzig davon lebt, die anderen als dumm und einer Diskussion nicht wert darzustellen. Ich habe das schon einmal im Zusammenhang mit dem elenden Geheule über den Brexit beschrieben.

Oft frage ich mich dann, ob die politische Meinung einfach ein Modephänomen ist, oder ob die Leute es wirklich für eine aussichtsreiche Strategie halten, den politischen Gegner als dumm zu diffamieren. Vielleicht ist es beides und das wäre dann tatsächlich ziemlich dumm. Denn, und das ist es nämlich, woran so viele Debatten heute kranken: Wenn du dich über deinen Gegner ständig lustig machst und ihn für dumm eklärst, dann ist das für ihn ein ziemliches bescheidenes Argument. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird er genau das Gegenteil von dem tun, was du gern hättest. Jede Mama weiß das. Jenny hat der AfD also einen Bärendienst erwiesen, weil sie wieder mal gezeigt hat, wie dumm die vermeintlich Schlauen eigentlich sind. Alle, die ohnehin AfD wählen wollten, wählen sie jetzt erst recht und diejenigen, die ihre oberflächliche Sicht auf politische Inhalte bestätigt sehen wollen, klatschen sich auf die Schenkel.

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