Fahren Flüchtlinge umsonst mit der Bahn?

erstellt am: 15.09.2016 | von: karim | Kategorie(n): Gesellschaft

Seit 2015 macht eine Meldung die Runde, nach der Flüchtlinge und ihre Begleiter kostenlos mit der Deutschen Bahn fahren können. Ein Artikel von SpOn ist beispielsweise so betitelt: „Bahn befördert Flüchtlinge und Begleiter kostenlos“. Gestern stieß ich via Twitter auf diesen Artikel vom 11.09.2015. Mein erster Gedanke: Wie will man das den Menschen vermitteln, die die normalen Preise der Bahn zahlen müssen oder sich keine Fahrt leisten können? Ich habe bei der Bahn nachgefragt. Sie schreibt, die Meldung gebe es schon seit längerer Zeit, jedoch sei sie nicht richtig – zumindest teilweise nicht.

Flüchtlinge fahren Bahn – bei manchen bezahlt das BAMF

Wer als Flüchtling nach Deutschland kommt, lässt sich, sofern er Asyl beantragen möchte, registrieren. Das geht entweder bei der Bundespolizei oder bei einer der vielen Erstaufnahmeeinrichtungen (EAE). Die Wege dahin sind unterschiedlich: Einige Flüchtlinge finden sich gut zurecht, haben ausreichend Geld und kaufen sich einfach eine Fahrkarte bis zu dem Ort, an dem sie sich registrieren möchten. Die Bahn gibt zu, dass es Fälle gibt, in denen Flüchtlinge keine gültige Fahrkarte haben, etwa weil sie nicht wissen wie man eine Fahrkarte zieht oder weil sie die falsche Fahrkarte wählen. Ich selbst habe das einmal erlebt, als ich einem jungen Syrer den Weg zum richtigen Zug zeigte. Er hatte sich bereits ein Tagesticket gekauft. Als ich ihn nach dem Ticket fragte, zeigte er mir die Quittung, die der Fahrkartenautomat zusammen mit dem Fahrkarte ausdruckt. Das eigentliche Ticket war tief in seinem Rucksack. Mit der Sprachbarriere geht so jemand schnell als Schwarzfahrer durch, obwohl er eine gültige Fahrkarte in der Tasche hat.

Die Entscheidung der Deutschen Bahn bezieht sich nicht auf pauschale Freifahrten, sondern auf den Weg zur Erstaufnahmeeinrichtung. Hierfür können Flüchtlinge einen Gutschein erhalten, den sie am Fahrkartenschalter gegen eine gültige Fahrkarte zur EAE eintauschen können. Die Zugbegleiter der Deutschen Bahn haben die Anweisung, Flüchtlingen auf dem Weg zur Einrichtung eine Ersatzfahrkarte auszustellen, sollten diese kein gültiges Ticket haben. Wer als Flüchtling also glaubhaft machen kann, dass er sich auf dem Weg zur EAE befindet, kann tatsächlich einmal kostenlos mit der Bahn fahren. Die Entscheidung obliegt allerdings den Zugbegleitern.

Missbrauch ist möglich, laut Bahn aber selten

Die interessante Frage ist: Woran erkennt das Bahnpersonal, ob jemand erstens Flüchtling ist und sich zweitens wirklich auf dem Weg zur EAE befindet? In jedem Fall stellen die Zugbegleiter immer nur eine Ersatzfahrkarte bis zur EAE aus. Ein Wochenticket oder ähnliches für beliebige Fahrten gibt es also nicht. Wer Arabisch, Farsi oder andere Sprachen aus den klassischen Herkunftsländern von Asylbewerbern spricht, könnte dies natürlich nutzen und dem Zugbegleiter erzählen, er befinde sich auf dem Weg zur EAE. Laut Bahn lässt sich ein gehäufter Missbrauch allerdings nicht erkennen.

Nach der Registrierung in der EAE gibt es offiziell keine Ersatzfahrkarten mehr für Flüchtlinge und ihre Begleiter. Einzige Ausnahme: Einige Landesbehörden haben Vereinbarungen mit einzelnen Verkehrsbetrieben. Hier können Flüchtlinge Fahrkarten für den regionalen ÖPNV erhalten. Die Kosten dafür werden mit der gesetzlichen Mindestunterstützung verrechnet, sind für die Flüchtlinge selbst also nicht kostenlos. Bezahlt werden sie vom Staat natürlich trotzdem. Die Kosten für die Ersatzfahrkarten holt sich die Deutsche Bahn beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Auch hier fließt also Geld. Wirklich kostenlos ist schließlich nichts.

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