Kulturrelativismus: Tolerant, weltoffen, bunt und für die Kinderehe

erstellt am: 05.11.2016 | von: karim | Kategorie(n): Gesellschaft, Islam

Von Jan Böhmermann und der heute-show weiß ich, dass es in der ostdeutschen Provinz völlig normal ist, Ausländer zu verprügeln. Von Prof. Dr. Ahmet Toprak habe ich gelernt, dass das gar nicht schlimm sein muss, weil dieses Ausländerklatschen nunmal unter anderen sozialen Bedingungen stattfindet. Als Sozialwissenschaftler, der ich einmal werden wollte, muss man dies so sehen, schließlich ist Kulturrelativismus die Voraussetzung für wissenschaftliche Objektivität. Und weil sich, wie wir alle wissen, die sozialwissenschaftliche Theorie so wunderbar mit der Realität verträgt, kann man folgende Argumenation zur Kinderehe auch schamlos als Beitrag in einer großen deutschen Wochenzeitung bringen.

Mit der Kinderehe für die Kinderehre

Auf ZEIT-Online erklärt der Dortmunder Sozialwissenschafter Prof. Dr. Ahmet Toprak, unter welchen Bedingungen eine Kinderehe im ländlichen Afghanistan, Syrien oder Irak zustandekommt. Für die Mädchen bedeute sie den Übergang ins Erwachsenenalter und schütze sie vor dem Verlust ihrer „Ehre“. Man sei gewissermaßen gezwungen, junge Frauen früh zu verheiraten, da sie mit dem Verlust ihrer Jungfräulichkeit auf dem Heiratsmarkt nichts mehr wert sind. Auch spielten ökonomische Faktoren eine Rolle: Mit der Heirat geben Familien die Versorgung der Tochter in die Hände des Schwiegersohns. Außerdem seien Frauen wichtige Arbeitskräfte, was ein Grund dafür sei, dass junge Menschen häufig innerhalb der Familie verheiratet werden – man möchte den Verlust der Arbeitskraft der Frau an eine andere Familie vermeiden.

In Anbetracht der Umstände in den Herkunftsregionen dieser jungen Frauen mag man die Kinderehe für eine pragmatische Lösung halten. Sie verhindert, dass junge Frauen für ihr natürliches sexuelles Verlangen im Boden verbuddelt und gesteinigt werden. Zudem können kinderreiche Familien in ländlichen Regionen ohne die weibliche Arbeitskraft nicht überleben. Insbesondere Mädchen sind bis zu ihrer Verheiratung eher eine finanzielle Belastung. Ahmet Toprak hat dies alles richtig analysiert und verständlich dargelegt. Seine Schlussfolgerung aber, der Bundesjustizminister handle genau richtig, da eine pauschale Annullierung der Ehe letztlich den Mädchen schade, steht exemplarisch für die Irrfahrten, auf die wir uns in der Integrationsdebatte einlassen.

Aus dem sozialwissenschaftlichen Elfenbeinturm in die Realpolitik

In den Sozialwissenschaften ist Kulturrelativismus unverzichtbar. Wenn ich die Umstände der Verheiratung von Kindern in Ostanatolien untersuche, dann kann ich sie nur verstehen, wenn ich meine eigene Kultur nicht als Maßstab heranziehe. Zwangsläufig führt dies zur Frage, welche Werte universell sind: Nur das Leben an sich oder auch die körperliche Selbstbestimmung von Menschen und ihr freier Wille? Ein großes Missverständnis in der Integrationsdebatte ist, dass Integration nur mit größtmöglichem Kulturrelativismus gelingen kann, dass sozialwissenschaftliche Methodik also als Richtschnur dafür dienen sollte, was wir für moralisch richtig oder falsch halten. Seit 20 Jahren unterhalten wir uns über die Bringschuld von Einwanderern und der Mehrheitsgesellschaft: Wer muss wem entgegenkommen, wie weit und was darf man akzeptieren? Einen Großteil der Irrfahrten in der Debatte verdanken wir dem Kulturrelativismus der sozialwissenschaftlichen Methodik. Wie in jeder Wissenschaft sollte das Ziel aber sein, Wissen zu schaffen und zu festigen und nicht Handlungsempfehlungen für das reale Leben zu geben. Leider erfreut sich die kulturrelativistische Gangart in der deutschen Politik großer Beliebtheit. Während die Familien junger Mädchen in Afghanistan pragmatische Lösungen für ihr Zusammenleben wählen, folgen wir lieber den Anweisungen kulturrelativistischer Traumtänzer, die glauben, aus größtmöglicher Toleranz ergebe sich die bestmögliche Integration. Dass dies nicht stimmt, sollten wir inzwischen wissen.

Hauptsache tolerant, weltoffen und bunt

Die Amokfahrt der Bewohner des sozialwissenschaftlichen Elfenbeinturms durch die Realpolitik erreicht in der Debatte um die Verheiratung von Mädchen mit alten Männern ihren Höhepunkt. Man sollte sich mit Handlungsempfehlungen für das echte Leben zurückhalten, wenn sie die Entmenschlichung des Individuums durch das Kollektiv rechtfertigen. Bei aller individuellen Freiheit hat die Politik einen Schutzauftrag, insbesondere gegenüber den Schwächsten der Gesellschaft. Wer als 13-jähriges, zwangsverheiratetes Mädchen ohne eigenes Einkommen aus einem Bürgerkriegsland nach Deutschland kommt, ist schwach. Leider zählt im linken, kulturrelativistischen Zeitgeist nicht einmal mehr das – hauptsache, man kann sich als tolerant, weltoffen und bunt gerieren. Für den #aufschrei wartet man lieber auf den nächsten alten Mann, der irgendeiner privilegierten Medienmuschi ins Dekolleté sabbert.

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